Eksamen: PSP5842 | Semester: Høst 2023 | Varighet: 5 timer
Vekting: Lesing ca. 25 % | Skriving ca. 75 %
Sehr geehrte Redaktion,
mit Interesse habe ich Ihren Artikel über den Rückgang des Bücherlesens unter Jugendlichen gelesen. Die darin zitierten Zahlen – nur noch 32 % der 16- bis 25-Jährigen lesen regelmäßig Bücher – sind besorgniserregend, aber nicht überraschend.
In einer Welt, die von Kurzvideos und sozialen Medien dominiert wird, erscheint das Lesen eines Romans als anachronistischer Akt. Doch gerade darin liegt sein Wert: Ein Buch verlangt Geduld, Konzentration und die Bereitschaft, sich auf fremde Welten einzulassen – Fähigkeiten, die in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie zunehmend verloren gehen.
Statt das Desinteresse der Jugend zu beklagen, sollten wir die Leseförderung in den Schulen stärken und Bibliotheken zu attraktiven Begegnungsorten umgestalten.
Mit freundlichen Grüßen
Astrid Henriksen
Die Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit junger Menschen sind in den letzten Jahren zu einem der drängendsten gesellschaftlichen Themen geworden. Die Datenlage ist beunruhigend: Laut Text 1 hat sich die Rate von Angststörungen und Depressionen unter Jugendlichen seit 2010 – dem Jahr, in dem Smartphones flächendeckend verfügbar wurden – nahezu verdoppelt.
Dennoch wäre es vereinfachend, soziale Medien pauschal als Ursache zu identifizieren. Text 2 weist darauf hin, dass die Korrelation zwischen Bildschirmzeit und psychischen Problemen schwächer ist als häufig angenommen. Andere Faktoren – Leistungsdruck, wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftliche Individualisierung – dürften ebenfalls eine erhebliche Rolle spielen.
Was allerdings unbestritten scheint, ist die Wirkung der von sozialen Medien erzeugten Vergleichsdynamik. Instagram und TikTok präsentieren eine kuratierte Realität, an der sich Jugendliche messen – und fast zwangsläufig scheitern.
Die Lösung liegt weder in Verboten noch in Resignation. Vielmehr brauchen junge Menschen eine kritische Medienkompetenz, die ihnen hilft, die Mechanismen dieser Plattformen zu durchschauen – und den Mut, gelegentlich abzuschalten.
Denn das wahre Leben findet nicht auf dem Bildschirm statt.
„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben", schrieb Alexander von Humboldt. In einer Zeit, in der Billigflüge jeden Winkel der Erde erreichbar machen, scheint dieser Satz aktueller denn je – und zugleich fragwürdiger.
Denn die Art, wie wir heute reisen, hat mit Humboldts Entdeckergeist wenig gemein. Der moderne Massentourismus verwandelt authentische Orte in austauschbare Kulissen: dieselben Souvenirshops in Florenz wie in Bangkok, dieselben Selfie-Posen vor dem Eiffelturm wie vor dem Brandenburger Tor. Wir bewegen uns durch die Welt, ohne sie wirklich wahrzunehmen.
Hinzu kommt die ökologische Dimension. Der Flugverkehr ist für einen wachsenden Anteil der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich, und die Forderung nach „Flugscham" stellt die Frage, ob grenzenloses Reisen in Zeiten der Klimakrise noch vertretbar ist.
Und dennoch: Wer das Reisen grundsätzlich verurteilt, beraubt sich einer der wertvollsten menschlichen Erfahrungen. Die Begegnung mit dem Fremden – eine andere Sprache, ein anderer Geschmack, ein anderer Blick auf die Welt – hat die Kraft, unsere Gewissheiten zu erschüttern und unseren Horizont zu erweitern.
Die Lösung liegt vielleicht nicht darin, weniger zu reisen, sondern anders: langsamer, bewusster, respektvoller. Mit dem Zug statt mit dem Flugzeug. Einen Monat in einer fremden Stadt statt drei Tage. Gespräche mit Einheimischen statt Fotos für Instagram.
Als norwegische Deutschlernende habe ich durch Reisen in den deutschsprachigen Raum etwas Entscheidendes gelernt: Eine Sprache versteht man erst, wenn man die Orte kennt, an denen sie gesprochen wird. Die Grammatik lernt man aus Büchern. Die Seele einer Sprache lernt man nur vor Ort.
Rainer Maria Rilkes „Der Panther" (1902) zählt zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Literatur. In nur drei Strophen gelingt es Rilke, das Gefangensein eines Tieres im Jardin des Plantes in Paris zu einem universellen Symbol für Unfreiheit zu verdichten.
Die erste Strophe etabliert die Perspektive des Panthers, dessen Blick „vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden" ist. Die Alliteration und der gleichförmige Rhythmus ahmen die monotone Kreisbewegung des Tieres nach – Form und Inhalt verschmelzen zu einer Einheit.
In der zweiten Strophe verdichtet sich das Bild: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt." Der Konjunktiv II markiert den Übergang von der äußeren Beobachtung zur inneren Wahrnehmung des Tieres. Die Welt jenseits des Käfigs existiert für den Panther nicht mehr.
Die letzte Strophe beschreibt, wie ein Bild „durch der Glieder angespannte Stille" eindringt – ein kurzer Moment der Wahrnehmung, der jedoch „im Herzen aufhört zu sein". Selbst die Fähigkeit zu empfinden ist erloschen.
Rilke bedient sich hier der Technik des „Dinggedichts": Der Dichter tritt zurück und lässt das Objekt für sich sprechen. Doch hinter dem Tier verbirgt sich eine zutiefst menschliche Erfahrung – die Erfahrung, in Routinen gefangen zu sein, die das Leben seiner Bedeutung berauben.