Eksamen: PSP5842 | Semester: Høst 2025 | Varighet: 5 timer
Vekting: Lesing ca. 25 % | Skriving ca. 75 %
Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt" ist ein ebenso unterhaltsames wie intellektuell anspruchsvolles Werk, das die Biografien zweier Genies – Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß – auf überraschende Weise miteinander verwebt.
Was diesen Roman auszeichnet, ist Kehlmanns Fähigkeit, komplexe wissenschaftliche Ideen in eine zugängliche und humorvolle Erzählung zu verwandeln. Die konsequent verwendete indirekte Rede verleiht dem Text eine ironische Distanz, die sowohl den Forscherdrang als auch die menschlichen Schwächen der Protagonisten sichtbar macht.
Kehlmann gelingt es, die Aufklärung nicht als verstaubte Epoche, sondern als lebendiges Abenteuer darzustellen. Für alle, die sich für das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Menschlichkeit interessieren, ist dieses Buch eine unbedingte Empfehlung.
Die Migrationsdebatte in Deutschland ist von Extremen geprägt: Während die einen von „Überfremdung" sprechen, idealisieren andere die multikulturelle Gesellschaft, ohne deren Herausforderungen anzuerkennen. Eine differenzierte Betrachtung tut not.
Wie Text 1 hervorhebt, hat die Einwanderung Deutschland wirtschaftlich und kulturell bereichert. Ohne die sogenannten „Gastarbeiter" der Nachkriegszeit wäre das deutsche Wirtschaftswunder kaum denkbar gewesen. Auch heute sind Migrantinnen und Migranten in vielen Branchen unverzichtbar.
Gleichwohl wäre es unredlich, die bestehenden Integrationsprobleme zu verschweigen. Text 2 verweist auf die Bildungsungleichheit: Kinder mit Migrationshintergrund verlassen die Schule doppelt so häufig ohne Abschluss wie ihre Altersgenossen. Diese Statistik offenbart ein strukturelles Versagen, das nicht den Betroffenen, sondern dem System anzulasten ist.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Migration erwünscht ist – sie ist eine Realität –, sondern wie Gesellschaften die Rahmenbedingungen schaffen können, unter denen Integration gelingt: durch Sprachförderung, Bildungsgerechtigkeit und die konsequente Bekämpfung von Diskriminierung.
Integration ist keine Einbahnstraße. Sie verlangt Bereitschaft von beiden Seiten.
Kein Land der Welt hat sich so intensiv mit den dunklen Kapiteln seiner Geschichte auseinandergesetzt wie Deutschland. Die „Erinnerungskultur" – ein Begriff, der in anderen Sprachen kaum eine Entsprechung findet – gilt international als Vorbild für die Aufarbeitung historischer Schuld. Doch wie tragfähig ist dieses Modell im 21. Jahrhundert?
Die Generation der Zeitzeugen stirbt aus. Die Frage, wie Erinnerung ohne persönliche Erfahrung lebendig gehalten werden kann, wird damit zu einer pädagogischen und kulturellen Herausforderung ersten Ranges. Gedenkstätten wie Auschwitz-Birkenau oder das Berliner Holocaust-Mahnmal bewahren die materielle Spur der Verbrechen, doch Steine allein können nicht erinnern.
Zugleich wird die deutsche Erinnerungskultur zunehmend von innen infrage gestellt. Rechtspopulistische Stimmen fordern eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad", während Vertreter postkolonialer Perspektiven darauf hinweisen, dass die deutsche Erinnerung selektiv sei: Der Völkermord an den Herero und Nama, die koloniale Vergangenheit in Afrika – diese Kapitel wurden lange verdrängt.
Beide Einwände verdienen Beachtung, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Den ersten muss die Gesellschaft entschieden zurückweisen: Die Relativierung der NS-Verbrechen ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern historisch unhaltbar. Der zweite hingegen fordert eine Erweiterung des Erinnerungsraums – nicht weniger Erinnerung, sondern mehr.
Aus meiner Perspektive als norwegische Deutschlernende beeindruckt mich die Ernsthaftigkeit, mit der Deutschland diese Debatte führt. In Norwegen haben wir unsere eigene unbequeme Geschichte – die Kollaboration während der Besatzung, die Behandlung der Samen –, die wir weniger konsequent aufarbeiten.
Erinnerung ist keine Strafe. Sie ist eine Verantwortung – und vielleicht die einzige verlässliche Grundlage, auf der eine humane Zukunft gebaut werden kann.
Die Mauer steht nicht mehr. Aber in Karls Kopf steht sie noch, so hoch und grau wie an jenem Novembertag 1989, als er mit zitternden Händen zum ersten Mal die Grenze überquerte.
Heute ist Karl 78 Jahre alt. Er sitzt auf einer Bank an der East Side Gallery und betrachtet die bunten Graffiti, die dort gemalt wurden, wo einst Schießbefehl galt. Neben ihm setzt sich eine junge Frau – Kopfhörer, Smartphone, ein Kaffeebecher mit seinem Namen drauf, nur falsch geschrieben.
„Wissen Sie", sagt Karl, obwohl sie ihn nicht gefragt hat, „hier stand einmal eine Mauer." Die junge Frau nickt höflich. „Ja, ich weiß. Wir haben das in der Schule gelernt."
In der Schule gelernt. Karl schweigt. Wie erklärt man jemandem, der die Mauer nur aus Schulbüchern kennt, was es bedeutet hat, eine Stadt, ein Land, eine Familie geteilt zu sehen? Wie beschreibt man den Geruch der Angst am Checkpoint Charlie oder das Geräusch der Stille an der Grenze?
Die junge Frau steht auf, lächelt kurz und geht. Karl bleibt sitzen. Er denkt an seinen Bruder Peter, der drüben geblieben war und den er erst 1990 wiedergesehen hatte – nach 28 Jahren. Sie hatten sich umarmt und geweint, ohne ein Wort zu sagen.
Manche Mauern fallen über Nacht. Andere brauchen ein ganzes Leben.